How to Selfie

​Kennst du Dr. Katharina Stenger? Sie ist Psychologin und Fotomodell und hat eine Online Praxis für Psychologie, mit der sie es dir besonders einfach macht, mit ihr in Kontakt zu treten. Ausserdem hat sie das Programm "the Confident Introvert" entwickelt, bei dem sie Menschen hilft, sich selber bewusster und authentischer wahrzunehmen. 

Heute hat sie für dich einen Beitrag zum Thema Selfie geschrieben und dazu, wie du durch Selbstportraits neue Perspektiven an dir kennenlernen kannst.

Wie wir mit Selbstportraits neue Perspektiven an uns erkennen

Besondere Momente fotografisch einzufangen und auszutauschen ist schon lange ein wichtiger Teil unseres Lebens. Wir nutzen diese „visuellen Gedächtnisstützen“ um uns an denkwürdige Momente zu erinnern, in ihnen zu schwelgen und mit wichtigen Menschen zu teilen. Allerdings sorgen die Digitalisierung und unsere vermehrte Präsenz in sozialen Netzwerken für eine Veränderung in der Welt der Fotografie.

In unserer modernen Zeit sind Selfies nicht mehr wegzudenken. Selfies sind Selbstportraits, die wir in der Regel mit unseren Smartphones machen und sie gehören zum meist verwendeten Bildmaterial der Onlinewelt. Obwohl wir bei den Selfies in erster Linie an Selbstdarstellung und vielleicht sogar an Selbstvermarktung denken, haben diese Fotos eine starke emotionale Komponente. Wir präsentieren nämlich nicht nur Produkte oder unser äusseres Erscheinungsbild, sondern unsere individuellen Vorlieben, unseren Lifestyle und unsere Persönlichkeit. 

Die Kunst des modernen Selfies liegt also darin, unsere komplexe Persönlichkeit auf einem Foto kompakt abzubilden. Es geht darum, wie wir uns selbst sehen und gesehen werden wollen. Ich erzähle dir in diesem Beitrag, wie Fotografie und Psychologie zusammenhängen. Ich zeige dir ausserdem wie du mit ein paar Überlegungen und Handgriffen ein professionelles Selfie von dir machen kannst, bei dem du neue Perspektiven an dir erkennst.

Warum machen wir Fotos?

Fotos haben eine biografische und nostalgische Funktion, das heisst, sie sind eine Gedächtnisstütze für Momente in unserem Leben, die wir gerne in Erinnerung behalten möchten. Wenn wir unsere Schnappschüsse nach einer Weile wieder ansehen, werden automatisch Netzwerke in unserem Gehirn aktiviert, die uns diesen Moment zu einem gewissen Grad wieder erleben lassen. 

Am liebsten erinnern wir uns gemeinsam. Deshalb zeigen wir Fotos vor allem den Personen, die bei dem Moment der Fotoaufnahme dabei waren und teilen diese Erinnerungen mit ihnen. Ein klassisches Beispiel für diesen stark emotionalen Aspekt der Fotografie ist das Familienalbum. Es vergeht kaum eine Geburtstagsfeier ohne dass ein Bildband hervorgeholt wird, der die „schöne alte Zeit“ zeigt.

Die Digitalfotografie rückt diesen nostalgische Aspekt etwas mehr in der Hintergrund, wohingegen der biographische Aspekt mehr an Bedeutung gewinnt. Das heisst, wie nutzen Fotos (zumindest in der Onlinewelt) primär zur Selbstdarstellung. Dabei setzen wir uns und ein Stückchen unserer Welt in Szene. Warum ist die Selbstdarstellung so wichtig? In den sozialen Netzwerken wie z.B. auf Instagram herrscht ein regelrechter Overflow an kreativem Bildmaterial. Es gilt also, sich von der Masse abzuheben und eine persönliche, digitale „Lebensspur“ zu hinterlassen. Es sind die Selfies, die uns diese originelle und individuelle Selbstdarstellung erlauben.

Nun zur Wissenschaft: Eine Studie über Selfies (ja, so etwas gibt es!) hat herausgefunden, dass Selfies unterschiedliche Funktionen erfüllen können, die mit unserer Persönlichkeit zusammenhängen:

Das kreative Selfie als Flucht in eine andere Welt

Seelenschimmer, Selfie


Als Fotomodell können wir mit einem Knopfdruck in verschiedene Rollen schlüpfen. Das heisst, wir lassen unserer Fantasie freien Lauf und stellen uns in Selbstportraits bewusst anders dar als im wirklichen Alltag. Wir zeigen uns an außergewöhnlichen Orten, geben uns ein stylisches Makeover oder benutzen Filter zur Bildbearbeitung, die uns in Kätzchen verwandeln. Kreative Selfies geben uns eine Fluchtmöglichkeit aus dem Alltagstrott und lassen uns

für einige Minuten den beruflichen oder persönlichen Stress vergessen. Hier können wir uns austoben, verwandeln uns in Tierchen, spielen Selfie-Spiele mit Freunden (wie z.B. bei Snapchat) und zeigen eine lockere, ausgefallene Seite an uns.

Das ehrliche Selfie als individueller Ausdruck von Menschlichkeit

Im Gegensatz zum kreativen Flucht kann das Selfie eine realistische und ehrliche Selbstdarstellung sein. Es erlaubt uns, unsere Stärken, aber auch unsere Menschlichkeit bewusst in den Vordergrund zu stellen. Selfies, die uns morgens mit Augenringen zeigen, die uns total verschwitzt (und das nicht auf eine sexy Art und Weise) nach dem Sport zeigen oder die ein Missgeschick dokumentieren, erzeugen Gefühle der Empathie und Sympathie beim Betrachten. Der Gedanke „anderen geht es genau so wie mir“ stärkt unser Selbstmitgefühl und unser Selbstbewusstsein.

Ein Selfie kann sogar ein Heilungsprozess sein, bei dem wir uns unseren  Ängsten stellen. Starke Selbstportraits von Menschen mit Depression oder anderen psychischen Belastungen erregen Aufmerksamkeit und machen uns nachdenklich. Auch wenn wir ungern die „ungeschminkte Wahrheit“ zeigen, ist es dennoch wichtig, auch diese Realität fotografisch einzufangen und bei anderen zu hinterfragen, was hinter diesen ehrlichen Selfies steckt. Letztendlich zeigt das ehrliche Selfie, wie wir über uns (und über andere) denken und urteilen.

Das interaktive Selfie als Anlass zur Kommunikation

Viele machen Selfies, um Interesse zu erregen und eine Konversation zu starten - entweder öffentlich in sozialen Netzwerken oder privat in geschlossenen Messenger-Gruppen. Diese Selbstportraits haben meist eine unterhaltende Funktion, in dem sie die Betrachter auffordern, auf das Bild zu reagieren. Instagram erlaubt beispielsweise die Erstellung von Q&As, Umfragen oder Quizzes, die einen direkten, echten Kontakt zwischen Urheber und der Online-Community herstellen.Darüber hinaus können Selfies einen ernsten Aufforderungscharakter haben, in dem sie wichtige Botschaften an unsere Mitmenschen enthalten, wie z.B. Selfies, die uns bei der Mülltrennung oder der Blutspende zeigen. Im privateren Rahmen können Selfies sogar als „Entscheidungshilfe“ eingesetzt werden, z.B. wenn wir uns auf der Shoppingtour nicht entscheiden können, welches Kleidungsstück wir kaufen sollen (HELP!).

Das interaktive Selfie bringt uns also in Kontakt mit der Aussenwelt, was eine große Stütze sein kann - gerade in Zeiten, in denen wir uns weit weg von Zuhause befinden. Ausserdem haben sie einen eindeutigen Aufklärungs- oder Entertainment-Faktor. Wenn wir also mal wieder im Wartezimmer beim Arzt hocken oder auf die Bahn warten, ist das eine schöne Gelegenheit, mit Freunden in Kontakt zu treten. 

Das nostalgische Selfie als persönliches Fotoarchiv


​Nostalgie, das heisst das Romantisieren besonderer Momente ist nach wie vor eine Motivation, weswegen wir besonders gerne Selfies in erinnerungswürdigen Momenten machen, wie bei einer Abschlussfeier oder an einem Urlaubsort. Diese Selfies sind in der Regel für unser persönlichen Fotoarchiv gedacht und werden eher mit Freunden und Familie anstelle der Onlinewelt geteilt. Nostalgische Selfies haben einen verstärkten sozialen Charakter, sind also Bestandteil eines „digitalen Familienalbums". Der Satz „weisst du

Seelenschimmer, Selfie

noch…“ gepaart mit dem passenden Selfie erzeugt bei uns ein Gefühl von Gemeinsamkeit und Zusammenhalt. Wir fühlen uns wohl, mithilfe eines Selfies ein Teil einer bestimmten Gruppe und einer bestimmten Zeit zu sein. Daher sollten wir öfter mal durch unser persönliches Fotoarchiv scrollen und uns an all die schönen Momente erinnern, die wir erlebt und mit Freunden geteilt haben - gerade in Zeiten, in denen wir uns betrübt oder alleine fühlen.

Lerne dich durch deine Selfies besser kennen

Wir haben also gelernt, dass Selfies verschiedene persönliche und soziale Funktionen erfüllen können. Aber wie kannst du Selfies gezielt nutzen, um neuen Perspektiven an dir zu erkennen? Mach dir bei deinem nächsten Selfie einfach ein paar Gedanken und werde kreativ. Stell dir z.B. Fragen wie diese: Was inspiriert dich? Wie sieht dein individueller Style aus? Wo liegen deine Stärken? Was hebt dich von anderen ab? Was magst du an dir? Was sind deine Schokoladenseiten? … usw.

Denn obwohl Selfies in sozialen Netzwerken oft den Eindruck wecken, dass das Model einfach drauf los geknipst hat, sind professionelle Selbstportraits in der Regel sehr durchdacht. Schau dir also Selfies von anderen an und lass dich inspirieren - von Künstlern in den sozialen Netzwerken (da empfehle ich Pinterest), von Magazinen oder Büchern über Kunst und Fotografie.

Inspiration ist allerdings nicht alles. Finde deinen eigenen Selfie-Stil und versuche, nicht zu kopieren. Gib deinem Selfie eine individuelle Note - ob mit einer Botschaft, einem bestimmten Blickwinkel oder einem Bearbeitungsstil. Wichtig ist, dass du dich mit deinem Stil wohl fühlst und dich nicht zu sehr in eine ungewollte Rolle hineindrängst. Das Ziel ist es, Selfies zu schiessen, die dich kreativ aber authentisch abbilden. 

Dabei muss es nicht bei einem einzigen Selfie-Stil bleiben. Sieh das ganze als eine Art Spiel, bei dem du mit verschiedenen Lichteinstellungen, Perspektiven und Tools (z.B. einem Selfie-Stick) experimentieren kannst. Lass deiner Kreativität freien Lauf, kombiniere Techniken und bleibe geduldig, wenn du nicht auf Anhieb das perfekte Selfie machst. In erster Linie machst du deine Selfies für dich selbst. Die Hauptsache ist also, du hast Spaß daran, neue Perspektiven an dir zu erkennen.

Um dir den Einstieg in die Kunst des Selbstporträts zu erleichtern, habe ich ein paar Tipps für dich:

Vorsicht vor dem sozialen Vergleich

Zum Schluss möchte ich über ein wichtiges Thema sprechen: Selfie-Inspirationen von Künstlern oder Fotomodellen zu holen, ist gut und schön. Jedoch sollte uns bewusst sein, dass nicht alles, was wir auf Plakaten, in Magazinen oder online sehen, der Wirklichkeit entspricht. Professionelle Selfies können stark retuschiert sein, was die Erwartungshaltung an die eigenen Selbstportraits hochschraubt. Dieser „soziale Vergleich“ sorgt dafür, dass wir uns selbst abwerten, wenn unser Selfie nicht wie so aussieht wie der Instagram-Feed von anderen. Solange wir uns dessen bewusst sind, sind Selfies ein tolles Werkzeug, um uns selbst neu zu finden und neu zu ERfinden.

​In 6 Schritten zum perfekten Selfie

Seelenschimmer, Selfie

​Foto: Katharina Stenger, fotografiert von Manuela Meyer

  1. Kameraeinstellungen checken: Filter nutzen (z.B. auf Instagram oder Snapchat)
  2. Weiches Licht finden: Draussen (wenn es leicht bewölkt ist), vor dem Fenster oder mithilfe einer Softbox.
  3. Der Hintergrund: Einfarbig oder harmonisch bunt und nicht zu unruhig
  4. Die richtige Perspektive: Nicht gerade in die Kamera schauen, sondern den Kopf leicht drehen und neigen. Fotos oberhalb der Augenhöhe aufnehmen
  5. ​Gesichtsausdruck: Probiere und variiere mit verschiedenen Ausdrücken. (z.B. natürliches Lächeln oder leicht geöffneter Mund.)
  6. Retouche: Ein wenig Nachbearbeitung ist erlaubt. (z.B. Snapseed oder Adobe Lighroom)

Mein Fazit:

Bleib dir treu und lass dich von anderen inspirieren, ohne dich zu vergleichen. Teile deine Selfies nicht um Anerkennung von aussen zu bekommen, sondern um dich und deine Innenwelt besser kennenzulernen. Nutze Selfies um dich mit Gleichgesinnten zu vernetzen, im Alltag oder online. Believe in your SELFie 😉

​Deine Katharina Stenger


Mehr über Katharina und ihre Arbeit findest du auf ihrer Website: www.katharina-stenger.de

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About the Author

Marisa lebt und arbeitet als Autorin, spirituelle Lehrerin und mediale Beraterin. In ihren Beiträgen schreibt sie zu den aktuellen Themen und Herausforderungen für spirituelle Menschen.

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