Weiblichkeit ist für mich keine Rolle. Nicht ein Kleid, nicht eine neue Frisur, nicht «nett sein». Gelebte Weiblichkeit bedeutet: mich selbst ernst nehmen. Und es bedeutet auch hinzuschauen, wo Frauen im Alltag klein gemacht werden – manchmal laut, oft aber leise und subtil.
Wenn ich über Weiblichkeit spreche, spreche ich automatisch auch über Feminismus. Nicht, um Männer abzuwerten, sondern um Muster sichtbar zu machen und Würde zurückzuholen. Für mich ist gesunder Feminismus: Gleichwertigkeit, Freiheit und Bewusstsein.
Und ich glaube, genau darum ist Feminismus gerade wieder so präsent: Wir sind in einer Zeit, in der viele alte Rollenbilder nicht mehr passen. Das Patriarchat hat über Jahrtausende geprägt, wie wir leben, lieben, arbeiten – und auch, was Frauen «dürfen» und was nicht. Jetzt schiebt sich etwas Neues nach vorne: mehr Ausgleich, mehr Augenhöhe, mehr Wahrheit.
Mir ist dabei wichtig: Es geht nicht darum, dass Frauen «besser» sind. Und es geht auch nicht darum, Männer zu beschuldigen. Es geht darum, dass wir gemeinsam hinschauen, was nicht stimmt – und dass wir es im Alltag anders machen.
Wenn Weiblichkeit klein gemacht wird (und wir es kaum merken)
Es gibt nicht nur die grossen, offensichtlichen Formen von Frauenfeindlichkeit. Viel häufiger begegnet sie uns im Kleinen: in Kommentaren, in Witzen, in Erwartungen, in einem Tonfall.
Und sie zeigt sich auch dort, wo weibliche Qualitäten abgewertet werden – zum Beispiel Mitgefühl, Intuition, Zyklus, Empfänglichkeit, Sanftheit und die Fähigkeit anzunehmen.
Viele Mikroaggressionen sind so normal geworden, dass wir sie kaum noch merken:
- «Lächle doch mal.»
- «Du bist aber empfindlich.»
- «Hast du PMS?»
- «Für eine Frau fährst du gut Auto.»
Oft passiert das genau dann, wenn eine Frau klar wird und Grenzen setzt. Und plötzlich ist sie «zu viel», «zu emotional» oder «zu empfindlich». Das ist ein Mechanismus, der Frauen wieder zurück in Anpassung drücken soll.
«Nicht alle Männer» – und trotzdem Verantwortung
Ja, es sind nicht alle Männer. Und trotzdem ist der Satz «nicht alle Männer» oft wie ein Deckel auf dem Gespräch. Er lenkt weg vom eigentlichen Punkt: dass viele Frauen solche Situationen kennen – und dass es nicht um Einzelfälle geht, sondern um Muster.
Verantwortung bedeutet für mich nicht, dass jeder Mann sich schuldig fühlen muss. Verantwortung bedeutet: nicht mitmachen. Nicht lachen, wenn ein abwertender Witz gemacht wird. Nicht wegschauen, wenn eine Frau unterbrochen oder klein geredet wird. Nicht still bleiben, wenn Grenzen übergangen werden.
Und ja – das gilt auch für Frauen. Wir alle sind Teil der Kultur, in der wir leben. Manchmal haben wir Dinge so sehr normalisiert, dass wir sie selbst reproduzieren. Verantwortung heisst dann: ehrlich werden, hinspüren, und es beim nächsten Mal anders machen.
Veränderung passiert selten durch grosse Reden. Sie passiert durch kleine, klare Momente im Alltag.
Manchmal reicht schon ein Satz wie:
- «Das finde ich gar nicht so lustig.»
- «Kannst du mir erklären, was daran lustig ist?»
- «Stopp – so möchte ich nicht, dass du über Frauen sprichst.»
- «Lass sie bitte ausreden.»
- «Ich sehe das anders.»
Ich glaube, viele Frauen wurden darauf trainiert, es allen recht zu machen. Harmonie zu halten. Zu lächeln, obwohl es innerlich eng wird. Und gleichzeitig stark zu sein, ohne Unterstützung zu brauchen.
Ich übe, mich weniger zu erklären. Weil ich gemerkt habe: Je mehr ich mich erkläre, desto mehr gebe ich meine Klarheit wieder aus der Hand.
Nein ist ein ganzer Satz.
Und wenn ich doch etwas sagen will, dann reicht oft:
- «Nein, danke.»
- «Das passt für mich nicht.»
- «Ich möchte das nicht.»
Die drei Säulen gelebter Weiblichkeit
In meinem Körper zu Hause sein
Ich fühle meinen Körper und ich funktioniere nicht einfach. Das ist für mich der Unterschied zwischen leben und leisten. Ich lebe im Rhythmus mit meinem Körper, im Rhythmus mit meinem Zyklus. Und ich versuche nicht in Dauerleistung zu sein.
Und ich bin da sehr klar: Ich akzeptiere keine Bemerkungen über meinen Körper. Mein Körper ist so, wie er ist. Er trägt mich durch das Abenteuer Leben und dabei ist er (meistens) gesund. Und ich mag ihn sehr gerne.
Wenn ich das noch etwas klarer ausdrücken soll, dann heisst das für mich:
- Ich bin nicht hier, um einem Ideal zu entsprechen.
- Ich bin hier, um mich in meinem Körper sicher zu fühlen.
- Und ich darf ganz klar sagen, wenn Grenzen überschritten werden.
Ein Satz, den ich dafür ganz simpel nutzen kann, ist:
- «Hey, ich mag es nicht, wenn Frauenkörper kommentiert werden.»
Grenzen setzen und klar sein
Für mich ist das eine der wichtigsten Säulen. Ein klares Nein ist Selbstachtung. Und ich weiss: Wenn ich als Frau keine Grenzen setze, dann bin ich in der Selbstaufgabe.
Doch ich will offen sein. Das ist die Säule, die mir persönlich schwer fällt. Und genau deshalb habe ich mir für dieses Jahr vorgenommen, mehr damit zu arbeiten und achtsamer damit zu sein.

Wenn ich es noch etwas ausführe, dann ist das mein Kern:
- Grenzen sind nicht hart. Grenzen sind Klarheit.
- Grenzen sind der Moment, in dem ich mich nicht mehr kleiner mache, damit sich andere Menschen wohl fühlen.
Empfangen und Annehmen
Viele Frauen haben wirklich Mühe damit, Hilfe anzunehmen und zu empfangen. Und dabei ist genau das so wichtig!
Für mich bedeutet Empfangen ganz konkret:
- Hilfe annehmen
- Geld annehmen
- Liebe annehmen
- Anerkennung annehmen
Und ich finde es wichtig, dass wir dabei auch die Not anderer Frauen sehen und helfen können, ohne dass wir eine Heldin sein müssen. Jemandem kurz helfen, aus dem Tram oder aus dem Bus auszusteigen, ist keine Heldentat. Es ist einfach ein Moment von Menschlichkeit.
Wenn ich das abrunde, dann fühlt es sich für mich so an:
- Empfangen ist ein Ja zum Leben.
Und jetzt interessiert mich: Was fühlst du? Was nimmst du dir vor? Was willst du lernen? Wo setzt du jetzt ein Statement?
Alles Liebe,
Marisa

Liebe Marisa
Vielen Dank für diesen Beitrag. Ich wurde hierher geführt, weil ich mich mit diesem Thema beschäftige. Es kostet mich Mut, einen Kommentar abzugeben, denn ich bin ein Mann, dem Ende letztes Jahr mentale Muster bezüglich Frauen bewusst wurden, die mir nicht gefallen und in die ich hiermit Einblick gebe (geben soll). Ich schätze Frauen sehr und ich gehöre nicht zur plumpen, oberflächlichen Kategorie der Männer, die offensichtliche Sprüche fallen lassen oder sich sonst offensichtlich blöd verhalten. Nein, ich durfte merken, dass es bei mir sehr viel subtiler abläuft, wie ich leider die Würde und den Respekt vor Frauen und der Weiblichkeit missachte. Es sind tief sitzende und z.T. noch immer – trotz des Erkannt-Habens – automatisch ablaufende Gedankenmuster. Für mich war es z.B. normal, Frauen „abzuchecken“, insbesondere dann, wenn sie entweder etwas an sich hatten, das mich faszinierte/anzog, wenn sie mir, aus welchem Grund auch immer, gefielen. Oder wenn sie etwas von ihrem Körper zeigten, ein Tattoo, einen schönen Ausschnitt oder sonst ein weibliches Detail. Oder wenn ich selber spürte, dass ich ihnen aus welchem Grund auch immer auffiel oder gefalle. Dann entstand eine Verbindung oder ich baute sie auf, es blitzten bei mir im Kopf Bilder auf, ich fiel in kurze Tagträume oder, was am hartnäckigsten war, die Person tauchte in meinen Gedanken immer mal wieder auf an diesem Tag. Mir wurde im Dez. bewusst, dass ich mit diesem Denk- und Verhaltensmuster gleich drei Grenzen nicht wahre: die der betreffenden Person, die mir zufällig begegnete, die meiner Partnerin und auch meine eigene. Das beschämende daran ist, dass mir das erstens nicht bewusst war und zweitens, dass ich das nicht mehr tun will, es mich aber sehr viel Kraft kostet, sein zu lassen, indem ich voll bei mir zu sein versuche. Doch es sitzt tief, ist uralt und ich merke zudem, dass unsere fast ganze Gesellschaft davon irgendwie durchzogen ist. Ich frage mich, ob es damit zusammenhängt, dass wir Menschen es uns im Laufe der Jahrhunderte angewöhnt haben, die perfekte Person zu finden. Oder simpler: Liebe zu bekommen, was heute leider meistens über das Oberflächliche versucht wird zu erreichen… Es stimmt mich mittlerweile, seit ich meine automatisierten Denkmuster erkannt habe, sehr traurig, wenn ich hineinfühle, wie es meiner Partnerin gehen würde, wenn sie es spüren/wissen würde, wie „es in mir denkt und zuweilen abläuft“. Ich möchte ihr ja nicht weh tun, es ist nicht böswillig von mir. Und trotzdem tat ich es/ tat es so mit mir. Und ich kann es nicht von der Hand weisen, dass sie und auch die zufälligen Begegnungen es zumindest unbewusst spürten, was da lief. Eine subtile Form von Untreue, auch wenn man es in der Gesellschaft als mentalen oder sichtbaren, aber harmlosen Flirt oder Phantasie herunterspielt. Ich erkenne für mich, wie auch für uns alle, dass wir da noch ein rechtes Stück Weg vor uns haben, um da rauszukommen. Für mich persönlich ist es richtig Arbeit, das in mir zu ändern und ich bitte laufend mein ganzes Team um Hilfe dabei, dieses echt hartnäckige Muster abzugewöhnen. Denn wir alle haben es verdient, in echter und wahrhaftiger, liebe- und respektvoller Verbundenheit auf Augenhöhe leben zu dürfen, bei der die Würde und die Achtung vor dem Gegenüber bewahrt bleibt. Dahin möchte ich kommen und gebe mein Bestes dafür. Die Zeit des Patriarchats und der männlichen Dominanz soll wirklich zu einem Ende kommen. Es fängt im Kopf an…
Alles Liebe
R.
P.S. Da ich hier sehr persönlich geschrieben habe, gebe ich nicht meinen vollen Namen an.